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Pomellato Schmuckhaus – Der Jäger der schönen Steine

Stefano Cortecci versorgt den Juwelier Pomellato mit Nachschub. Der Gemmologe hält Ausschau nach Rosenquarz oder Peridot, die immer rarer werden.

Von Silke Wichert

Kaum hat man den kleinen Tresorraum betreten, kühlt die Raumtemperatur kurz empfindlich ab. Der Besucher hat die Turmaline, Rosenquarze oder Granate, die hier zu Hunderten in blauen Plastikkörben gehütet werden, leichtfertig als „Halbedelsteine“ bezeichnet – ein Wort, bei dem den Mitarbeitern sofort das Blut gefriert.

Aber Stefano Cortecci ist Profi, außerdem Italiener, und so weist der Chef-Gemmologe des Hauses charmant darauf hin, dass sie bei Pomellato nur ungern von „semi precious stones“, also Halbedelsteinen, sprechen. Um ganz ehrlich zu sein, werde dieser Begriff überhaupt nicht verwendet. Weil er nun mal irgendwie minderwertig klingt und für die italienische Schmuckmarke diese Steine und die Designs, die sie damit gestalten, weder halb so schön noch halb so wertvoll wie Diamanten oder Saphire sind, sondern eben auch ganz und gar: vollkommen.

Das zumindest wäre geklärt. Außerdem sollte man noch wissen, dass Pomellato ziemlich erfolgreich ist mit dieser Art von Steinen. Als die Haute Couture in der Mode in den Sechzigerjahren allmählich von Prêt-à-porter überholt wurde, fand der Sohn eines Mailänder Goldschmiedes, dass man im Schmuckbereich im Grunde ebenfalls eine alltäglichere, modischere Variante anbieten müsste. Also gründete der Mann namens Pino Rabolini 1967 sein eigenes Unternehmen und verwendete in seinen wechselnden Kollektionen neben den üblichen Edelsteinen vor allem bunte, leuchtende Schmucksteine. Pomellato – italienisch für geschecktes Pferd – entwickelte sich mit diesem Konzept zum fünftgrößten Schmuckhaus Europas. 2013 wurde die Marke vom französischen Luxuskonzern Kering übernommen, der die Expansion weiter vorantreibt. Und genau hier kommt Cortecci ins Spiel.

In Geschichten über die Firma war immer mal wieder von ihrem sagenumwobenen „Stone Hunter“ die Rede. Man stellte sich darunter sogleich eine Art Indiana Jones vor, auf der Suche nach geheimen Minen voller funkelnder Steine, die kein anderer zu finden vermochte. Tatsächlich ist Cortecci ziemlich viel in der Welt unterwegs. Er wiegt jetzt im Tresorraum gerade liebevoll ein großes Stück Amethyst in der Hand, das er aus dem brasilianischen Bahia hat, danach greift er in eine Schale grün schimmernder Peridote aus Pakistan. So weit also passt die romantische Vorstellung. Aber „jagen“ muss er vor allem die Händler in diesen Ländern, und er muss gute Beziehungen mit ihnen unterhalten.

„Als ich 2005 bei Pomellato anfing, gab es kaum Vorräte“, sagt der 47-Jährige. „Aber die Nachfrage stieg so rasant, dass wir den Bedarf an Amethysten und Zitrinen, die wir damals besonders verwendeten, bald nicht mehr decken konnten.“ Also legte der Gemmologe den, wie er es nennt, „strategischen Speicher“ an. Eine Schatzkammer im Untergeschoss der Mailänder Manufaktur, die heute Millionen wert ist.

Fotos dürfen hier nicht gemacht werden – die Konkurrenz soll nicht wissen, wie umfangreich die Vorräte sind. Denn Schmucksteine sind nicht mehr einfach die billigere Variante, sondern mittlerweile oft schwieriger zu bekommen als Diamanten, weil sie nicht wie letztere im großen Stil gefördert werden. „Wir sprechen deshalb nicht von Halbedelsteinen, sondern lieber von den ’neuen Edelsteinen'“, erklärt Cortecci. Die Preise für grünen Turmalin etwa hätten sich in den letzten Jahren vervierfacht, weil China plötzlich gar nicht genug von diesem Stein bekommen konnte. Würde der Kreativdirektor des Hauses jetzt eine Kollektion des berühmten, asymmetrisch geschliffenen Nudo-Ringes damit fertigen wollen, müsste sein Gemmologe ihm sagen: unmöglich, im Moment viel zu teuer.

Pomellato ist manchmal nicht ganz unschuldig an solchen Entwicklungen. Ihre Schmuckstücke setzen nicht nur mit ihren Designs häufig die Trends in der Branche. Plötzlich bestücken auch andere Anbieter Gliederketten und Armbänder über und über mit Steinen wie in der Kollektion „Tango“. Entdecken die Italiener den schwarzen Jett neu, tun es andere bald auch. Ein guter Steinejäger hat ein Gefühl dafür, welches Material demnächst gefragt sein wird. Das kleine Stück milchiges Rosenquarz, das er jetzt aus einer der blauen Kisten holt, kaufte er vor sieben Jahren als Teil eines großen Pakets in Mosambik. Erst vor zwei Jahren haben sie es verarbeitet – nahezu restlos, die Vorräte sind fast aufgebraucht.

„Im Moment gibt es keinen guten Rosenquarz auf dem Markt, die politische Situation in der Region ist kompliziert“, sagt Cortecci. Bei Schmucksteinen stehen sie vor den gleichen Problemen wie bei Diamanten: Es gibt in den Fundgebieten immer wieder „Blutware“ und Verletzungen der Menschenrechte. Geregelte, lückenlos nachvollziehbare Strukturen sind erst im Aufbau. Wenn Cortecci die Möglichkeit bekommt, besucht er die Mine. Wenn er bei einem Händler kein gutes Gefühl hat, fährt er lieber mit leeren Händen nach Hause.

Cortecci stammt aus einer Gemmologen-Familie. Der Vater war Universitätsprofessor, für den Sohn hatte man sich ebenfalls eine akademische Laufbahn gewünscht, aber der wollte lieber „praktischer“ arbeiten. Im Unternehmen bescheinigen sie ihm eine poetische Ader, weil er spürt, welche Steine beim Träger welche Emotionen auslösen. „Die Berührung ist vollkommen unterschiedlich. Der schwarze Jett erscheint eiskalt, während Peridot – der Stein der Sonne – sich eher warm anfasst“, findet Cortecci.

Auch bei seiner Arbeit muss er das Material immer erst berühren, um sein Potenzial zu erkennen. Wenn ein Händler glaubt, etwas für den „Italiener“ gefunden zu haben, schickt er ihm zunächst ein paar Fotos. Wenn Cortecci in seinem Büro in Mailand dann glaubt, etwas Interessantes zu sehen, setzt er sich in den Flieger. Nie würde er etwas blind bestellen. „Früher hatten sie in Afrika oder im fernen Osten ja keine Handys, da musste ich immer auf Verdacht hinfliegen.“ Das Problem bei Steinen wie etwa Granat: „Im Rohzustand, als großes Mineral, siehst du nicht viel von der Qualität.“ Es gibt zwar eine hochintensive Lampe, mit der man das Mineral durchleuchten kann, aber der Käufer darf die Ware vorher nicht schneiden oder für weitere Tests nach Europa bringen. „Meist habe ich ein paar Stunden Zeit, mir eine Probe anzusehen“, erzählt Cortecci. „Danach muss ich nach meinem Gefühl entscheiden, sonst schnappt mir ein anderer den Fund weg.“

Die Firma experimentiert auch bei den Materialien. Etwa mit Porzellan in sattem Türkis

Manchmal kaufe er also gewissermaßen die Katze im Sack. Bei einer der Kisten im oberen Regal mit der Aufschrift „Chrysopras“ hatte er Glück: Die Steine schimmern in hellem Grün. Die Kiste daneben stellte sich im Nachhinein als Fehlgriff heraus. Manchmal sieht man erst nach Jahren, ob die Dichte des Materials wirklich zur Verarbeitung taugt. Das Mineral enthält Wasser, das die Farbe verändern kann. Nicht auszudenken, würde das beim fertigen Schmuckstück passieren.

Cortecci greift mit den Fingen in einen Haufen blauer Mondsteine und wühlt darin wie ein Bauer im Weizen. Manchmal ist er beinahe traurig, wenn er seine „Babys“ ziehen lassen muss, aber ungleich stolz, wenn er sie im Schaufenster wiederentdeckt: „Neulich habe ich mit meiner Tochter vor dem Geschäft in Mailand gestanden und ein paar Ohrringe mit goldgrünem Prasiolith gesehen. Die habe ich vor Jahren in Brasilien angeboten bekommen. Sie lagen draußen auf dem Dach ausgebreitet, weil die Sonneneinstrahlung den braunen Stich aus dem Stein wegradiert und das satte Grün zur Geltung kommt. Ein magischer Moment.“

Für die Faszination, die diese Steine auslösen, zahlen die Kunden viel Geld. Der aufwendig geschliffene Klassiker Nudo kostet als Ring mittlerweile ab 1450 Euro. Viele der Schmucksteine dürften in den nächsten Jahren noch einmal teurer werden, weil der Bedarf steigt und das mit dem Nachschub eben so eine Sache ist. Wie Diamanten sind auch sie Launen der Natur, in Tausenden Jahren in der Erde geformt, nicht per Knopfdruck reproduzierbar. Deshalb experimentiert Pomellato immer wieder mit anderen Materialien. Etwa mit Porzellan, das durch eine besondere Färbung neuerdings in so sattem Türkis daherkommt, dass es, nun ja, ein echter Türkis sein könnte.

Wohin ihn seine nächste Reise führt? Cortecci weiß es nicht, er wartet auf Neuigkeiten von den Händlern. Gerne würde er wieder Zitronenquarz finden, die Kiste damit ist beinahe leergefegt. Dafür hat er kürzlich Peridot und Aquamarine in größeren Mengen eingekauft. „Die werden bald so selten sein, dass ich zuschlage, wann immer ich etwas Gutes sehe.“ Jetzt lagern die Steine hier im Tresor erst einmal eine Weile. Bis der Schatz ein zweites Mal gehoben wird.

URL: https://www.sueddeutsche.de/stil/pomellato-schmuckhaus-der-jaeger-der-schoenen-steine-1.4167992

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Quelle: SZ vom 13.10.2018/ick